Textproben

Ungespielte Abschiedsszenen

Folge 1: Harry Klein nimmt Abschied von Chefinspektor Derrick

Nie hat er zu mir gesagt, „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“, in all den Jahren hat er das nicht zu mir gesagt, dazu war er ein viel zu feiner Mensch, das wär ihm doch gar nicht über die Lippen gekommen; geschämt hätte er sich, sowas zu mir zu sagen; wir waren schließlich mehr als Kollegen, wir waren Freunde. Ja, Freunde. Ja, okay, ich hab mir schon so einiges von ihm anhören müssen in all den Jahren, wie oft war ich nur der Trottel, der Putzlappen, an dem er sich abgewischt hat, der billige Pointenlieferant, neben dem er umso strahlender glänzen konnte, aber doch nicht so einfach, „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“, nein, das nie, soweit wäre er nie gegangen.

Aber jetzt, wo er sich nicht mehr wehren kann, dichten ihm plötzlich alle an, dass er das dauernd gesagt hätte, praktisch in jeder Folge. Ja damals, als er noch jede Woche seinen Fall gelöst hat, den Mörder überführt, da ist ihm ganz Deutschland zu Füßen gelegen, aber jetzt, Spottlieder machen sie über ihn, im Fernsehen spielen sie Parodien, Karikaturen drucken sie in allen Zeitungen, alle ziehen sie ihn durch den Dreck, und wenn ich in hundert Interviews sage, dass er nie gesagt hat, „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“, dann lachen sie nur höhnisch und sagen, wir wissen es besser.

Aber ich werde es immer wieder sagen, er hat nie zu mir gesagt, „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“, er war ein menschlicher Chef, und außerdem, warum hätte er denn das überhaupt sagen sollen, er war doch kein Trottel, ich kann doch überhaupt nicht Auto fahren, er hat mich ja nie den Führerschein machen lassen, ich musste ihm ja jede Woche bei seinen beschissenen kleinen Mordfällen assistieren, wie hätte ich denn da Zeit gehabt, den Führerschein zu machen, ich musste ja immer nachgeben, verzichten, zurückstecken, damit er den Ruhm einheimsen konnte, und er ist ja auch immer gleich wütend geworden, wenn ich einmal nicht da war; wie oft hat er, „Arschloch“ zu mir gesagt, „Du Arschloch, wo warst du schon wieder“, hat er gesagt, „Warst wohl schon wieder saufen“, ja, Arschloch hat er zu mir gesagt, auch wenn’s natürlich nie gesendet worden ist, aber nie, nicht einmal in einer Drehpause, hat er „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“. zu mir gesagt.

Aber ich schwöre, wenn er jemals „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“, zu mir gesagt hätte, ich hätte es gemacht, ich hätte ihm seinen Scheißwagen vorgefahren, direkt vor seine Scheißtür, so einer bin ich, wenn der Chef was sagt, dann mach ich das, auch wenn er mich wie einen Hund behandelt hat, ihm hätte ich nie was abschlagen können. Ich hätte alles für ihn getan. Nicht was sie denken, so einer war der nicht; so gewisse Wünsche hat der nie geäußert, der war doch nicht schwul, im Gegenteil der hatte doch überhaupt kein Sexualleben. Nein, er hat nie irgendwelche zweideutigen Wünsche geäußert; dabei, wie gesagt, hätte ich alles für ihn getan.

Und so ist es ja dann schließlich auch passiert, Himmel, Herrgott nochmal, fünfunddreißig Dienstjahre hatte er auf dem Buckel, fünfunddreißig Jahre, Woche für Woche diese Scheißserie, und nie ein Wort von dem Scheißauto, und ausgerechnet an dem Tag, an dem sie ihn in Rente schicken, sagt er doch zu mir, „Ich will mit dem Auto nach Hause fahren“; wohlgemerkt, er hat auch da nicht gesagt, „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“, er hat nur gesagt, „Ich will mit dem Auto nach Hause fahren“; war ja auch ein Scheißwetter an dem Tag, nicht dass ich jetzt was auf diesen Scheiß-Klimawandel gebe, aber wenn die Springfluten von der Nordsee einmal bis nach München herunter kommen, gibt einem das schon zu denken, ja, also da konnte doch keiner was dagegen haben, dass er da nicht zu Fuß gehen wollte.

Aber was mach ich, ich Idiot? Anstatt dass ich sage, „Ich werde jemanden holen, der Sie nach Hause fährt, Chef“, was sag ich da? Ich sag, „Ich fahr schon mal den Wagen vor“, und als er sagt, „Ach, hast du jetzt auch schon den Führerschein“, da sag ich Trottel nicht, „Nein, woher sollte ich denn einen Führerschein haben, Sie haben ihn mich ja nie machen lassen, Chef“, nein, ich geh einfach raus, und hol den Scheißwagen.

Und so im ersten Moment, so das erste Mal hinterm Steuer, das war ja schon ein saugeiles Gefühl, ich hab gar nicht so genau gewusst, wofür die ganzen Hebel und Pedale da sind, aber ich hätte es schon noch herausgefunden, schließlich bin ich bei der Mordkommission, wir finden alles raus, also ich fühl mich gut und fahr den Scheißwagen vor, und denk mir noch „Da wird er aber schauen, der Alte“, obwohl der Alte, das war ja der andere, der von der Konkurrenzserie, jedenfalls, ich denk mir noch, „Da wird er aber schauen“, und hab’ nicht geschaut, ich hab’ gedacht, „In der nächsten Folge darf ich endlich selber den Mörder überführen“, und schon hab’ ich ihn überführt, ich meine überfahren, überfahren hab’ ich ihn, ich hab’ meinen Chef überfahren.

Und wie ich aus dem Auto gesprungen bin, hat er nur noch geflüstert, „Harry, du Arschloch, ich hab nie gesagt, dass du schon mal den Wagen vorfahren sollst“, und dann war er tot. Und hat es nie gesagt, dieses „H. f. s. m. d. W. v.“. In fünfunddreißig Dienstjahren nicht. Dabei hätte ich mir das so gewünscht. Naja, Friede seiner Seele. Dieses Arschloch.