Textproben

Für immer Grinzing

Die Liebe und der Hass zu Wien, die Höhen und Tiefen, die der Wiener beim Anblick seiner Heimatstadt empfindet, spiegeln sich in deren geographischen Gegebenheiten wider. Oder auch umgekehrt.

Wenn der Wiener vom Kahlenberg oder vom Stefansturm hinunterblickt, dann liebt er seine Stadt und hasst sich selbst dafür, dass er ihren Niederungen, den Katakomben oder dem Kanalsystem des Dritten Mannes so weit entstiegen ist, und hat nur den einzigen Wunsch, sobald wie möglich wieder tief in ihrem Herzen zu sein, die Depression, die in den Straßen herrscht, mit allen Sinnen in sich aufzunehmen. Mit anderen Worten: Der Wiener hat Heimweh.

Doch wenn er dann durch die verwinkelten Gassen der Innenstadt schleicht, in die die Sonne höchstens eine Stunde am Tag scheint, dann hasst er die Stadt und blickt hinauf zum Donauturm oder zum Bisamberg und fühlt sich klein und minderwertig und raunzt und sauft und denkt an Selbstmord. Mit einem Wort, er ist glücklich und eins mit sich und den Abgründen seiner Seele.

Der Wiener hasst sich also dafür, dass er seine Stadt liebt, und liebt Wien gleichzeitig, weil es so hassenswert ist. Und weil er nicht anders kann.

Und was tut eine verantwortungsvolle Stadtverwaltung, um diese Wechselbäder der Gefühle zu mildern? - Genau das Gegenteil: Sie vergrößert die Kluft zwischen Höhen und Tiefen, indem sie den Milleniumstower errichtet und internationale Sportgrößen dazu ermuntert, mittels ihrer Muskel bepackten Gliedmaßen Gruben in den Asphalt der Mariahilfer Straße zu drücken. Und das Ergebnis nennen die Stadtpolitiker dann ‘Straße der Sieger’ und reden stolz vom Ruf Wiens als Weltstadt und verstehen nicht, dass der echte Wiener solcherart in seinem seelischen Ungleichgewicht dermaßen bestärkt wird, dass seine harmlose Depression in hysterische Euphorie umkippt.

Den Gipfel der Lust erreicht der Wiener, wenn er sich in der von dem allseits beliebten Schifahrer Hermann Maier ausgetretenen Grube den Knöchel bricht. Aber Hand aufs goldene Herz: Was außer Gruben soll man sich auch von einem Weltcupsieger erwarten, der aus der Flachau kommt? Während also der Herr Maier halsbrecherisch Schirennen in der Kompression gewinnt, bricht sich Frau Müller in der von ihm ausgetretenen Depression den Oberschenkelhals. Es gibt Wiener, die stundenlang auf der Mariahilfer Straße auf und ab promenieren, nur um ein einziges Mal in ihrem Leben in den Genuss eines solchen Erlebnisses zu kommen. Darum ist die Mariahilfer Straße auch immer so überlaufen.

Während also die ‘Straße der Sieger’ beim Wiener tiefe Glücksgefühle auszulösen imstande ist, verführt der Blick vom Milleniumstower so manchen seelisch instabilen Charakter zum Gedanken an den ultimativen Sprung. Dies wird von einigen Psychiatern, die das, was ihnen die Kabarettisten in ihren Programmen erzählen, für bare Münze nehmen, mit der latenten Todessehnsucht des Wieners erklärt. Echte Wiener glauben diesen Scharlatanen glücklicherweise kein Wort und wären jederzeit bereit, Unterschriftenlisten zu unterzeichnen, mittels derer diese Kapazitäten internationalen Ranges aufgefordert werden, sich endlich ihrer Internationalität zu besinnen, aus der Stadt zu verschwinden und ihre Couch anderswo aufzustellen. Leider existieren solche Unterschriftenlisten bislang nicht.

Nein, der echte Wiener weiß sehr gut, dass der Wunsch nach dem Sprung vom Milleniumstower rein gar nichts mit seiner viel besungenen Todessehnsucht zu tun hat, sondern vielmehr einzig und allein der Sehnsucht entspringt, möglichst schnell der geliebten Wiener Heimaterde nahe zu kommen. Besonders geübte Heimkehrer schaffen es mit einem einzigen Sprung sogar einige Meter unter dieselbe. Die Liebe des Wieners zu seiner Stadt geht über Leichen, notfalls sogar über seine eigene. Man könnte auch sagen: Wo die Liebe des Wieners einmal hinfällt, da steht sie nicht wieder auf.

Der Hass des Wieners auf seine Stadt hingegen kann in Form der Heurigenseligkeit mühelos unter den Tisch getrunken oder anlässlich einer Besichtigung der Kapuzinergruft so tief wie die Monarchie begraben werden. Der Hass des Wieners ist nämlich nur schwach ausgeprägt.

Echte Wiener sind vielmehr tolerant, weltoffen und ausgesprochen gutmütig, besonders in betrunkenem oder begrabenem Zustand. Begräbt man einen betrunkenen Wiener tief genug, könnte man ihn ohne näheres Ansehen für den Friedensnobelpreis vorschlagen. Wenn der Hass des Wieners einmal hinfällt, schütte man Alkohol oder Erde auf ihn, und er steht so bald nicht mehr auf.

Doch gleichgültig, ob der Wiener seine Stadt nun gerade liebt oder hasst, seine innigste Freude und tiefste Depression ist es immer noch, beim Wein solange über die Vergänglichkeit jeden Gefühls zu raunzen, bis es vergangen ist. Hat der Wiener dieses Übergangsstadium der weinerlichen Sentimentalität aber einmal überwunden und den Idealzustand der beständigen Hassliebe erreicht, ist er an sein Ziel gelangt und hat die höchste Stufe der Erleuchtung und Weisheit erklommen: den Olymp des ewigen Heurigen.