Daheim ist daheim und Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat
Sechs Gründe, warum der Wiener nicht gerne auf Urlaub fährt
Die Abreise
„Daheim ist daheim“, denkt der Wiener. „Und grad jetzt, mag ich eigentlich gar nicht wegfahren. Ich kann auch gar nicht. Ich muss doch heut’ den Franz und den Poldi im Wirtshaus treffen.“
Eigentlich trifft der Wiener den Franz und den Poldi ja jeden Tag im Wirtshaus und eigentlich ist das mittlerweile schon ziemlich fad geworden. Das muss sich sogar der Wiener eingestehen.
„Also gut, dann fahr’ ich halt“, sagt sich der Wiener endlich. „Aber eigentlich weiß ich jetzt schon, dass ich das nachher bereuen werd’.“
Aber wenn der Wiener sich einmal in Bewegung gesetzt hat, dann gibt es kein Halten mehr.
Das Ausland
Der Wiener fährt nicht gern ins Ausland. Zur Rechtfertigung, warum er doch ins Ausland fährt, denkt er: „Da muss ich mir endlich die blöden Gesichter daheim nicht mehr anschauen.“
Auf diese Art wird der Wiener ein Weltbürger. Jedenfalls im Geiste. Dazu ist nichts weiter nötig als eine gesunde Portion Hass auf Wien und die Wiener. Und davon hat der Wiener mehr als genug.
Der Hass des Wieners auf Wien ist allerdings umgekehrt proportional zur Entfernung von seiner Heimatstadt. Kaum ist der Wiener im Ausland angekommen, sehnt er sich nach Wien zurück. Aber nur deshalb, weil man aus der Entfernung nicht so gut hassen kann.
Das Ausland beginnt in den Augen des Wieners gleich hinter dem Wiener Wald. Wenn er nach Mödling oder Klosterneuburg fährt, nimmt der Wiener seinen Reisepass mit, genauso wie wenn er nach Montevideo oder Katmandu fahren würde. Man kann ja nie wissen. Der Wiener ist sich stets bewusst, dass er von Grenzen umgeben ist. Und das genügt ihm. Grenzerfahrungen macht der Wiener nicht so gern.
Die Ausländer
Der Wiener hasst die Wiener, aber die Ausländer fürchtet er. Der Wiener liebt den Hass mehr als die Furcht. „Die Chinesen und die Neger schauen alle gleich aus“, denkt er. „Und alle haben ein Gesicht wie ein Stein und fressen die Viecher, die wir streicheln.“ Das ist gleich der nächste Grund für die Abneigung des Wieners gegen das Fortfahren.
Das Essen
Nirgends ist das Wiener Schnitzel so gut wie in Wien. Schon in Innsbruck gibt es gar kein Wiener Schnitzel mehr, weil ein Wiener Schnitzel in Innsbruck ja ein Innsbrucker Schnitzel wäre. Sogar wenn der Koch ein Wiener ist.
Der Wiener mag nur ein Wiener Schnitzel, weil nur das Wiener Schnitzel gut ist. Das zeigt sich schon daran, dass man nur das Wiener Schnitzel kennt. Vom Innsbrucker Schnitzel hat noch nie jemand etwas gehört.
Und wenn es schon in Innsbruck kein Wiener Schnitzel mehr gibt, wie ist das erst in Nairobi oder Magdeburg. Für einen zweiwöchigen Urlaub kann der Wiener gar nicht genug Wiener Schnitzel einpacken.
Die Sprache
Selbst wenn es in Magdeburg oder Nairobi ein Wiener Schnitzel gäbe, könnte der Wiener es sich gar nicht bestellen, weil man ihn nicht verstehen würde. Das ist im Fall des Wiener Schnitzels gar nicht so tragisch, weil es das ja eh nirgends sonst auf der Welt gibt, aber der Wiener könnte ja Lust haben, etwas anderes zu bestellen. Nicht gerade etwas zum Essen, aber ein Bier oder einen Gespritzten vielleicht.
„Ein Bier“, sagt der Wiener, während er ein schon ein wenig ramponiertes Wiener Schnitzel auspackt. „Einen Gespritzten.“ Aber der Kellner versteht ihn nicht. „Wäre ich doch zu Hause geblieben“, denkt der Wiener. „Nicht einmal einen Rausch kann man sich in dem verschissenen Land verschaffen.“ Und dann schimpft und raunzt und lamentiert er erst einmal eine halbe Stunde.
Dann ist es gut, dass der Wiener im Ausland nicht verstanden wird. Fröhliche Spanier, heitere Griechen, unbeschwerte Italiener würden in tiefste Melancholie verfallen, würden sie auch nur fünf Minuten aus des Wieners Betrachtungen über ihre Heimat verstehen.
Die Heimreise
Die liebste Reise des Wieners ist die Heimreise. „Endlich ist der Urlaub zu Ende“, denkt der Wiener, und sein Grant potenziert sich mit der Annäherung an Wien. Schon in St. Pölten oder am Wechsel ist er weiß vor Wut.
So scheußlich der Wiener sich auch im Ausland gefühlt hat, nichts geht über den Ekel, den er empfindet, wenn er das erste Mal seit zwei Wochen wieder der Südosttangente oder der UNO-City ansichtig wird.
„Jetzt helfen nur sechs oder sieben Vierteln in meinem Stammwirtshaus“, denkt der Wiener. „Der Franz und der Poldi werden eh schon warten.“