In Wien ist das Glück auch nur so ein Vogerl
I. Das Glück im Frühling
Wenn der Wiener im Mai ‑ wenn die Luft wieder lau wird, wenn der Himmel voller Geigen hängt, wenn jeder Wiener unter fünfundachtzig verliebt ist ‑ wenn also der Wiener im Mai in Nußdorf beim Heurigen endlich wieder ohne Wintermantel im Schanigarten sitzen kann, schaut er zum ersten Mal im Jahr wieder in die Kronen der blühenden Kastanienbäume hinauf, hört erstmals wieder das Gezwitscher der Vögel im Laub, kostet das erste Viertel Veltliner, beißt in ein geradezu jungfräuliches Schmalzbrot mit Grammeln und fühlt sich unsagbar glücklich und zufrieden.
Wenn der Wiener einmal unsagbar glücklich und zufrieden ist, überkommt ihn beinahe sofort ein tiefes Misstrauen. „Das Glück ist doch auch nur ein Vogerl“, denkt er und wird gleich unsagbar traurig.
Je nach Veranlagung denkt er weiter: „Das Schmalz war letztes Jahr aber auch fetter.“ Oder: „Das Schmalz war letztes Jahr aber nicht so fett.“ Dann denkt er: „Der Wein war letztes Jahr aber auch spritziger.“ Und schließlich denkt er: „Das Jahr ist ja auch schon wieder so gut wie um. Auf kurz oder lang ist der Sommer da. Da muss man in Urlaub fahren, weil das alle so machen, und wenn man zurückkommt, ist es Herbst und man feiert Advent und dann Weihnachten, und dann ist das Jahr auf einmal vorbei. Und was hat man davon gehabt? Nichts hat man davon gehabt. Nichts als Ärger und Hetze und Schnupfen. Den dafür aber gleich zweimal.“
Der Wiener will jetzt so richtig philosophisch werden, träumerisch schwermütig. Also wieder unsagbar glücklich. Aber die Vögel im Kastanienbaum mit ihrem blöden Gezwitscher stören ihn.
„Das Glück ist ein Vogerl“, denkt er wieder, und dann muss er kurz wütend werden. „Erschlagen möcht’ man sie“, denkt er. „Nie hat man seine Ruh’. Nicht einmal am Sonntag.“
Der Wiener steigert sich jetzt richtig in seine Wut hinein: „Der Wein schmeckt auch jedes Jahr fader. Der ist ja kaum mehr zum Dersaufen. Aber was soll man trinken? Es gibt ja eh nichts Gescheites da. Wär’ ich doch in den Prater gegangen. Da ist wenigstens ein Wirbel und eine Hetz’. Da hätt’ ich im Schweizerhaus ein großes, kühles Bier trinken können. Und Salzbrezeln hätt’s dazu gegeben. Und eine saftige Stelze natürlich.“
Der Wiener will schon schwärmerisch werden, aber bei dem Wort „Stelze“ muss er an „Bachstelze“ denken und ihm fallen wieder die zwitschernden Vögel ein. Der Wiener bückt sich und sucht nach einem Stein. „Das Glück ist ein Vogerl“, denkt er zum dritten Mal. „Ja, hat sich was. Wenn ich jetzt nur eins von denen Scheißviechern treffert.“ Und er holt aus.
Für den Wiener ist das Glück manchmal nur einen Steinwurf weit entfernt.
II. Das Glück im Herbst
Wenn der Wiener im Oktober ‑ wenn die Luft schwer wird, wenn der Himmel grau und neblig wird, wenn jeder Wiener unter fünfundachtzig geschieden ist ‑ wenn also der Wiener im Oktober im Prater vor Kälte zitternd im Wintermantel endlich bei Bier und Brezeln und Stelze sitzt, schaut er in die Kronen der kahlen Kastanien hinauf, hört das heisere Krächzen der Krähen, die in der frühen Dämmerung zu ihren Schlafplätzen in der Freudenau hinüber fliegen und fühlt sich unsagbar behaglich und zufrieden.
Wenn der Wiener sich unsagbar behaglich und zufrieden fühlt, überkommt ihn noch in derselben Minute tiefe Verzweiflung. „Das Glück ist schon ein süßes Vogerl, und jetzt ist es fort geflogen“, denkt er und wird gleich zutiefst melancholisch.
„Wenn nur alles so bleibert, wie’s grad ist“, denkt er. Aber das geht ja nicht. Kaum ist’s einmal gut, wird’s schon wieder anders. Also schlechter. Dabei darf man’s mit früher gar nicht vergleichen. Und was Besseres kommt erst recht nicht nach.“
Je nach Veranlagung denkt er weiter: „Die Stelzen war aber früher auch fetter.“ Oder: „Die Stelzen war früher aber nicht so fett.“ Dann denkt er: „Das Bier hat früher auch nicht so abgestanden geschmeckt.“ Und schließlich denkt er: „Teurer sind’s auch schon wieder geworden. Aber das ist es ja. Alles ändert sich ununterbrochen. Grad sind die Blätter von den Bäumen herunter und auf kurz oder lang schneit’s. Und du kannst nimmer im Garten sitzen. Nicht einmal auf die Gassen kannst gehen, ohne dass du nasse Füss’ kriegst. ‑ Ja, das Glück ist schon ein Vogerl. Hätt’ ich’s derschlagen damals im Frühling beim Heurigen, wär’s geblieben und langsam verwest. So ist’s fort geflogen. Und jetzt sind nur mehr die Krähen da, die grauslichen.“
Der Wiener will jetzt so richtig zum Raunzen und Lamentieren anfangen, aber das geht nicht, weil das nur Spaß macht, wenn etwas da ist, das ihn davon abhält. Aber es ist nichts da, weil die zwitschernden Vögel nicht mehr da sind und man sich über heisere Krähen nicht freuen kann. Also kann man sich auch nicht ärgern über sie. Und weil nichts da ist, ist es nur traurig. Richtig traurig, nicht nur so unsagbar traurig. Und richtig traurig, nein, das will der Wiener nicht sein.
„Das Glück ist ein Vogerl“, denkt er wieder, und wird so richtig grantig. „Einmal brauchert man’s. Und dann ist’s nicht da.“
Der Wiener steigert sich jetzt richtig in seinen Zorn hinein: „Wär’ ich doch zum Heurigen gegangen. Da wär’s lauschig gewesen und angenehm. Nicht so ein Krawall. Ich bin ja überhaupt nicht so ein lauter Mensch. Der ganze Wirbel und die Hetz’ können mir gestohlen bleiben. Da hätt’s auch einen Sturm gegeben und vielleicht schon einen Staubigen. Und ein Schmalzbrot mit Grammeln natürlich.“
Der Wiener will schon schwärmerisch werden, aber bei Grammelschmalz muss er an die Spatzen denken, die so wild auf die Grammeln sind, und da fallen ihm wieder die zwitschernden Vögel ein, und er schaut zu den Kastanien hinauf. Aber nur die letzten Krähen hocken stumm in den Zweigen. Der Wiener bückt sich und sucht nach einem Stein. „Das Glück ist ein Vogerl“, denkt er zum x-ten Mal. „Ja, hat sich was mit einem Vogerl. Eine russische Saatkrähe ist’s. ‑ Wenn ich wenigstens eines von den Scheißviechern treffert.“ Und er holt aus.
Wenn der Wiener das Glück schon nicht treffen kann, dann ist eine Ersatzhandlung besser als gar keine Aggression.