Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren
Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren ‑
und die Milz auf den Azoren;
mein linker Lungenflügel schnappt am Grund des Bodensees nach Luft,
mein rechter atmet Moder in der Kapuzinergruft;
meine linke Hand, die winkt aus Samarkand,
und meine rechte grüßt von Feuerland;
meine linke Niere treibt in den Tiefen der Agäis,
meine rechte sitzt am höchsten Andengipfel, dort wo Schnee is;
meine Leber, verhärtet und arm,
hat’s gar auf Sansibar warm;
meine Galle
tanzt Cancan auf der Place Pigalle;
mein rechter Ellbogen ist nach Shanghai verzogen
und mein linker mit One-Way-Ticket nach Sydney geflogen;
mein rechtes Nasenloch schnuppert am Jungfrauenjoch,
und mein linkes riecht an Usbekistan;
meine Nasenscheidewand hat sich von mir getrennt,
meine Tränendrüse flennt
jetzt in Flensburg,
meine Zyste
hat sich mittels Chirurg
von mir entfernt und müsste
jetzt schon in der Wüste
oder auf dem Weg nach Bangkok sein,
mein linkes Bein
geht seinen Weg ab jetzt allein;
mein eines Ohr lernt in Ulan Bator
tartarisch wie narrisch,
aus meinem anderen Ohr geht auch in Neuhaus
alles Fremdsprachliche wieder hinaus;
später treffen sich dann beide Ohren in Paderborn,
nur das Ohrenschmalz ging in der Pfalz
verloren;
mein Bauchnabel ist auf der Suche nach dem Turm zu Babel;
meine Finger krampfen sich um Solinger Stahlwaren,
und in meinen Haaren spielt der Wind der Balearen;
mein Gaumen segelt mit beiden Daumen nach Kopenhagen
und mein Magen fährt mit meinem linken Schulterblatt
müde Ski in Andermatt;
meine Aorta pulst in Porta Ventura,
mein rechtes Aug blinzelt in die Camera obscura zu Prag,
mein linkes mag in Herenveen
zur Ruhe gehen;
mein Rachen durchwandert die Appalachen,
mein Kinn den Apennin;
mein Zwischenhirn hatte die Stirn in Dornbirn
ein neues Leben anzufangen,
in Erlangen schmiegen sich meine Wangen
an die Zahnspangen
einer unbekannten Schönen
und meine Lippen stöhnen
an die Klippen der Virgin Islands gepreßt:
„Wir wollten doch nach Budapest!“
Mein linker Fuss kriegt den New Orleans Blues,
mein rechter hat seine Depression in Asuncion;
mein linkes Augenlid berlinert in Moabit,
mein rechtes kriegt in Madrid nichts mit;
mein Mund trinkt in Basel ein Glasel
und meine Zunge wird blau im Nibelungengau;
meine Kniescheiben treiben es bunt in Burgund,
wie ein junger Hund tanzt mein Schlüsselsbein
durch Rüsselsheim und Dortmund;
mein Dünndarm versprüht seinen Charme in Liverpool,
mein Dickdarm windet sich durch den Basar von Istanbul;
ja, die Gschicht mit mein Darm is verwickelt,
aber wenigstens mein Gsicht is nicht mehr verpickelt,
sogar die Wimmerln sind gewichen,
haben sich in ein Zimmerl geschlichen,
wo’s unter sich sein können,
mir scheint, in den Ardennen;
meine Blase schütt sich
vor Lachen aus über Lüttich,
mein linker Hodensack treibt Schabernack am Skagerrak,
mein rechtes Ei verlor sich in der Mandschurei,
in Halberstedt fand ich es wieder als Omelette;
und mein Schwanz, der arme, kleine,
sitzt traurig und verlassen in einer Hurengassen
in Düsseldorf am Rheine.
Nur mein Arsch ist dageblieben,
wollt nicht in die Welt hinaus,
pendelt zwischen Wieden und Fünfhaus,
zwischen den Bezirken acht und sieben,
zwischen Favoriten und dem dritten Hieb,
weil der hat sei’ Heimatstadt so lieb.
Ja, mein Arsch will unter seinesgleichen sein ‑
Wien, Wien, nur du allein!